Die Epoche des Biedermeier

1.) Zeitliche Einordnung:

Wie in der vorstehenden Darstellung zu sehen ist, überschneidet sich die Zeit des "Biedermeier" (1815-1848) mit der Klassik (1786 - 1832), der Romantik (1798 - 1835), dem Vormärz und dem Jungen Deutschland (1825 - 1848) und dem Beginn des Realismus (1848 - 1890).1
Sie ist somit nicht als eigenständige Epoche anzusehen (sondern als eine Strömung, die sich mit anderen Epochen und Strömungen überschneidet):

"Peter J. Brenner schlägt in seiner Literaturgeschichte den von Friedrich Sengle forschungsgeschichtlich geadelten Begriff ´Biedermeierzeit´ als übergreifende Kategorie vor, welche die Spätromantik ebenso umfasse wie die im eigentlichen Sinn konservativ-biedermeierliche Dichtung, das Wiener Volkstheater, das Junge Deutschland, Vormärz und singuläre Autoren wie Büchner und Heine. Mit Mörike kündige sich der Übergang von der Spätromantik zur Biedermeierzeit an."

2.) Geschichtliche Hintergründe:

Die Strömung des Biedermeier ist ein Sammelbegriff, der von vielen Forschern als Epochenbegriff für die Zeit zwischen 1815 und 1848 gebraucht wird und mit Begriffen wie Restauration oder Frührealismus konkurriert.
Um nur wenige Daten zu rekapitulieren: 1815 wird auf dem Wiener Kongress die alte Ordnung wiederhergestellt. Restauration ist ein zeitgenössischer Begriff. 1819, nach dem Attentat auf Kotzebue, folgen Zensurmaßnahmen im Zuge der ´Karlsbader Beschlüsse´. 1830 ereignet sich in Paris die Julirevolution, 1848 in Frankreich, Wien und Berlin die sogenannte Märzrevolution .“3

2 Luserke-Jaqui, Matthias (2004): Eduard Mörike. A. Francke Verlag: Tübingen und Basel, S.19

3 Luserke-Jaqui, Matthias (2004): Eduard Mörike. A. Francke Verlag Tübingen und Basel, S.18

Trotz der Karlsbader Beschlüsse 1819, in denen die Hoffnungen der deutschen Patrioten und liberalen Reformer zunichte gemacht wurden, war die deutsche Reaktion auf die Pressezensur sehr friedlich. Die Deutschen begrüßten die Rückkehr zur Vorkriegsordnung, da diese ihnen Sicherheit und Frieden versprach. Sie führten ihre Verluste nicht auf den durch Napoleon verursachten Krieg zurück, sondern auf die Französische Revolution, die Unruhe und Krieg über Europa brachte und beinahe die gesamte gesellschaftliche Ordnung umgestürzt hatte.

Das Ergebnis des Wiener Kongresses 1815, das keine Bestimmung über die Sicherung individueller Rechte und Freiheiten enthielt, wurde von der Mehrheit hingenommen, da für den Bürger das Gefühl der Sicherheit, das durch die Wiederherstellung der alten Ordnung hervorgerufen wurde, im Vordergrund stand.

Jedoch gab es unterschiedliche künstlerische Reaktionen auf diese gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die die Strömung des konservativen „Biedermeier“ von der liberalen Strömung des „Jungen Deutschland“ und der radikaldemokratischen Strömung des literarischen „Vormärz“ unterscheidet.1

3.) Namensgebung:

Die Bezeichnung `Biedermeier´ geht auf die deutschen Schriftsteller Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul zurück, die für die Münchener `Fliegenden Blätter´ von 1855-­1857 die Gestalt des schwäbischen Dorflehrers Gottlieb Biedermaier erfanden - eines Menschen, dem nach ihrer Charakterisierung `seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen.´ Während Eichrodt und Kußmaul mit dieser Figur und dessen Freund Horatius Treuherz eine Parodie auf das Spießbürgertum abliefern wollten, begann man gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das Biedermeier mit der `guten, alten Zeit` gleichzusetzen und verwendete diesen Begriff als Synonym für Behaglichkeit, Häuslichkeit, Geselligkeit in Familie und Freundeskreis, für den (auch geistigen) Rückzug ins Private. Ab 1906 wurde der Begriff für Mode und Möbel aus der Zeit zwischen 1815 und 1848 verwendet, dann auch für einen Malstil.“ 2

4.) Wichtige Autoren:

  • Franz Grillparzer (1791-1872)

  • Ferdinand Raimund (1790-1836)

  • Johannes Nestroy (1801-1862)

  • Adalbert Stifter (1805-1868)

  • Anette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

  • Eduard Mörike (1804-1875)

  • Christian Dietrich Grabbe (1801-1836)

  • Friedrich Rückert (1788-1866)3

  • u.v.A.

5.) Merkmale der Biedermeier-Literatur

Das Hauptmerkmal der biedermeierlichen Literatur ist der Rückzug ins Private. Aufgrund der politischen Enttäuschungen, die die Zeitgenossen erlebt hatten (Napoleon, Französische Revolution, Wiener Kongress), misstraute man der Politik. Man kapselte sich im Familienkreis oder im engeren Freundeskreis von der Öffentlichkeit ab.

Die Welt, die in den literarischen Werken dargestellt wird, ist gekennzeichnet von einer konservativen Grundhaltung, durch Selbstgenügsamkeit und Hingabe an eine Arbeit, die um ihrer selbst willen getan wird und nicht des Geldes wegen. Den Mittelpunkt des Lebens bildete die Wohnung, welche man liebevoll einrichtete.
Der Kunst wurde ebenfalls eine hohe Bedeutung zugesprochen, da man die Meinung vertrat, dass diese die Menschen verbinde und damit das Gemeinschaftsgefühl stärke. 

Die bevorzugten Gattungen in der Literatur waren die Idylle (ein episches Gedicht) und das Drama, das öffentlich aufgeführt wurde. Das Theater gewann eine größere Bedeutung, da es, wie Kaffeehäuser und Kneipen, als Treffpunkt in der Stadt diente. Ebenso wird dem Biedermeier eine Zugewandtheit zu den Gattungen wie der Satire, des Epigramms, der Reiseberichte, Tagebücher, Briefe und Lebenserinnerungen zugeschrieben. Diese wurden oft im Freundeskreis oder im Zusammensein mit der Familie vorgelesen.4

Friedrich Sengle schreibt dem Biedermeier eine Neigung zu den literarischen Kleinformen, zu Almanachen, zur didaktisch-lyrischen Dichtung, aber auch zur Romanliteratur zu.5

Leitbegriffe der biedermeierlichen Literatur waren: Die Sehnsucht, Themen und Gefühle der Resignation und des Weltschmerzes, die Abkehr von der gesellschaftlich-politischen Welt sowie Harmonie und Ordnung.6

Friedrich Sengle hat in seinem Werk „Biedermeierzeit“ einige weitere Merkmale der Literatur des Biedermeier folgendermaßen zusammengefasst:

„[…] die Hinwendung zum Volkstümlichen, die Liebe zur Heimat, die Pietät gegenüber dem angestammten Herrscherhaus, die ehrfürchtige Beschäftigung mit den Tag- und Jahreszeiten, überhaupt mit den Phänomenen der `Natur´ (unbeschadet der Führung Gottes), die Erneuerung der Idylle und des Märchens, der Kult des Heiteren, der kleinen Formen […] die Entdämonisierung des Mythischen und selbst des `Schicksals` (Liebe, Leiden, Tod), der Freundschaftskult, das starke Hervortreten der Gelegenheitslyrik, die bewußte Verschönerung des Lebens mit Hilfe aller Künste, der Sinn für einen organisch überformten Klassizismus (`Klassizität´), für ein verbürgertes und versittlichtes Rokoko, der Sinn für Scherz, ja für grotesken `Übermut´, sofern er nicht unmoralisch, blasphemisch oder gesellschaftskritisch ist, - all dies ist biedermeierlich.“7

6.) Eduard Mörike

6.1) Kurzbiografie

  • wurde am 08. September 1804 in Ludwigsburg geboren

  • seine Mutter stammte aus einem württembergischen Pfarrhaus

  • sein Vater war Oberamtsarzt in Ludwigsburg

  • wurde nach dem Tod seines Vaters auf das „Gymnasium illustre“ nach Stuttgart geschickt

  • machte während seiner Internatszeit Bekanntschaft mit Wilhelm Hartlaub (1805-1885) und Johannes Mährlen (1803-1871) und befreundete sich mit ihnen

  • studierte zusammen mit Wilhelm Waiblinger evangelische Theologie in Tübingen

  • wurde als sensibler und stiller, beinahe ängstlicher, junger Mann beschrieben

  • verband mit seiner Cousine Klara Neuffer (1804-1837) seine Jugendliebe; als sie sich verlobte, traf es Mörike zutiefst

  • Mörike verarbeitet diesen Verlust in seinem Gedicht „Erinnerung“ (1822)

2 www.pohl.de/literatur/epochen/vormaerz.htm, 22.06.14

5 Vgl.: Luserke-Jaqui, Matthias (2004): Eduard Mörike. A. Francke Verlag: Tübingen und Basel, S.21

6 Vgl.: Luserke-Jaqui, Matthias (2004): Eduard Mörike. A. Francke Verlag: Tübingen und Basel, S.21

7 Sengle, Friedrich (1980): Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Bd.3. Metzler Verlag: Stuttgart, S.729-730

  •  1826 lernte er Maria Meyer (1802-1865) kennen; diese wird in der Forschung als Mörikes einzige, wahre Liebe bezeichnet, die später auch die „Peregrina-Figur“ prägte

  • 1829 verlobte er sich mit Luise Raus (1806-1891), löste die Verlobung aber nach vier Jahren wieder

  • 1834 erhielt er eine Stelle als Pfarrer in Cleversulzbach bei Heilbronn

  • 1843 erkrankte er und wurde mit 39 Jahren Frühpensionär

  • träumte zuvor immer von einem freien Künstlerleben und konnte dieses nun ausleben

  • 1851 heiratete er Margarethe Speeth

  • war zwischenzeitlich am Katharinenstift in Stuttgart angestellt und erteilte dort Literaturunterricht

  • nach 15 Jahren ließ er sich pensionieren

  • 1852 erhielt er einen Ehrendoktortitel, 1856 den Professorentitel

  • Die Königin besuchte seinen Literaturunterricht, auch seine Bücher wurden zunehmend gekauft und gelesen

  • bekam 2 Kinder (Fanny und Marie), trennte sich jedoch 1873 von seiner Frau

  • danach wechselte Mörike oftmals den Wohnort. 

  • 1875 verstarb Mörike in Stuttgart1

6.2) Wichtigste Werke Mörikes:

  • „Maler Nolten“ (1832)

  • „Gedichte“ (1838)

  • „Die Idylle vom Bodensee“ (1846)

  • „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ (1853)

  • „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855)

  •  u.v.A.2

  • jedoch enstanden nach 1855 keine Prosawerke mehr, sondern nur noch Gelegenheitsgedichte.3

6.3) Mörike und die Ästhetik des Biedermeier

Mörike verfasste einige Novellen, die man dem Biedermeier zuordnen könnte: „Der Schatz“ (Novelle), „Maler Nolten“ (Novelle) und „Mozart auf der Reise nach Prag“ (Novelle).5

Die Literatur von Mörike bezeichnet Sengle jedoch als für die Literaturwissenschaft schwer zugänglich. Mörike sei nicht eindeutig dem Biedermeier zuzuordnen. Viele seiner Werke könnten auch der Romantik zuzuordnen sein.6

Es sei jedoch eine Grundstimmung in Mörikes Werken zu verzeichnen, die durch Schwermut, Verwirrung und Zerrissenheit gekennzeichnet sei, was dem Biedermeier zuzuordnen ist.7

Außerdem sei die Ästhetik Mörikes konservativ (ebenfalls ein biedermeierliches Merkmal), dies sei am deutlichsten daran zu erkennen, dass er sich auf Goethe berufe. Auch viele andere Kriterien wie die Erneuerung des Märchens und der Idylle, die Beschäftigung mit der Natur, das starke Hervortreten der Gelegenheitslyrik, sind in Mörikes Werken zu verzeichnen.8

Trotzdem plädiert Sengle auf einen vorurteilsfreien Umgang mit Mörike und seiner Dichtung. Man solle davon abweichen, Mörike als Biedermeierlegende zu bezeichnen, denn man könne ihn nicht eindeutig einer Strömung bzw. einem Stil zuordnen.9

7. Heinrich Heine

Beruft man sich auf Sengles Aussagen in seinem Werk "Biedermeierzeit", so ist Heine eindeutig nicht dem Biedermeier zuzuordnen. Sengle betont: "Heine ist alles, nur kein Schriftsteller der Biedermeierzeit."10

Er wird der Strömung des "Jungen Deutschland" bzw. "dem Vormärz" zugeordnet. Diese Strömungen waren ebenfalls eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Umbrüche der damaligen Zeit.
Jedoch unterschied sich die Reaktion der Künstler des "Vormärz" und des "Jungen Deutschland" von der künstlerischen Reaktion des "Biedermeier". Die biedermeierliche Reaktion war geprägt vom Rückzug ins Private, der Heimatliebe und dem Versuch das Beste aus der Situation zu machen, indem man sich von der Öffentlichkeit abkapselte und sich den politischen Gegebenheiten unterwarf.

Im Unterschied dazu verbanden das "Junge Deutschland" und den "Vormärz" die Ablehnung der Restauration und des Adels sowie der Einsatz für Presse- und Meinungsfreiheit.

Der "Vormärz" setzte 1840 ein und endete 1848 mit der gescheiterten Märzrevolution.11

1827 erschien Heines "Buch der Lieder", eine Zusammenfassung seiner frühen Gedichte. Thema der Gedichte war meist eine unerfüllte oder unerreichbare Liebe.12

Heines Stil charakterisiert Sengle folgendermaßen:

"Er hat Struktur, so gut wie Schiller, Eichendorff oder Gotthelf. Nicht der bunte Wechsel aller historischen Versmaße, sondern eine bestimmte Lieblingsform, die Volksliedstrophe ist für Heines Lyrik bezeichnend, und wir können uns darauf verlassen, dass sie stets mit hoher rhythmischer Virtuosität gehandhabt wird. Wir wissen vielleicht nicht sicher, ob wir im Enthusiasmus oder in der Ironie von Heines Versen sein Wesentliches suchen müssen, aber uns allen ist klar, daß wir mit dem Gegeneinander und Ineinander dieser beiden Stilhaltungen ständig zu rechnen haben."13

In seinen Reiseberichten verarbeitete Heinrich Heine unter anderem die politischen Verhältnisse in Deutschland. Neben der unterhaltenden Funktion seiner Reiseberichte kam diesen also eine politisch aufklärende Funktion zu.14

Sämtliche Werke Heinrich Heines, eine Biografie und die Briefwechsel sind im Heinrich-Heine-Portal (http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/) zu finden.

1 Vgl.: Luserke-Jaqui, Matthias (2004): Eduard Mörike. A. Francke Verlag: Tübingen und Basel, S.6-16

2 Vgl.: Ebd.: S.3

3 Vgl.: Ebd.: S.15

4 Ebd.: S.22

5 Vgl.: Ebd.: S.87

6 Vgl.: Ebd.: S.22

7 Vgl.: Ebd.: S.22

8 Vgl.: Ebd.: S.22-23

9 Vgl.: Ebd.: S.24

10 Sengle, Friedrich (1980): Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Bd.3. Metzler Verlag: Stuttgart, S.468

12 Vgl.: www.literaturwelt.com/epochen/vormaerz.htm

13 Ebd.: S.469

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Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft
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