Datterichs Darmstadt

Das 19. Jahrhundert brachte für die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und für deren Hauptstadt Darmstadt eine bedeutende Wende. In politischer Neuordnung der napoleonischen Zeit wurde aus der Landgrafschaft das Großherzogtum Hessen mit der neuen Provinz Rheinhessen. Das Großherzogtum war dadurch doppelt so groß wie die vormalige Landgrafschaft. Landgraf Ludwig X., der seinen neuen Status Napoleon verdankte, nannte sich fortan "Großherzog Ludewig I. von Hessen und bei Rhein".

Für seinen Beitritt zu Napoleons Rheinbund wurde er also mit Gebietserweiterungen belohnt, dafür stellte er ihm hessische Soldaten für dessen Feldzüge zur Verfügung. Darmstadt wurde zur Hauptstadt ernannt und erhielt eine neue Bedeutung als Verwaltungssitz eines beträchtlich vergrößerten souveränen Staates. Hof und Beamtenschaft wuchsen und benötigten größere Verwaltungs- und Gerichtsgebäude und standesgemäße Wohnungen. Die Einwohnerzahl stieg von knapp 10000 zur Jahrhundertwende auf etwa 25000 im Jahre 1830.

Stadtausbau und Kulturpolitik
Diesem Zuwachs konnte nur mit einer groß angelegten Stadterweiterung begegnet werden. Deshalb rief der Großherzog 1810 den Architekten Georg Moller als Hofbaudirektor nach Darmstadt. Moller plante und errichtete in den kommenden Jahrzehnten die Stadterweiterung im Westen, die nach ihm "Mollerstadt" genannt wurde. Sein Konzept sah vor allem regelmäßige Grundrisse mit breiten Straßen und Plätzen vor. Wesentliche Elemente, die bis heute weite Teile der westlichen Innenstadt prägen, waren die Gebäudehöhe, das so genannte "Mollermaß", und der Schachbrettgrundriss. Auch die Gebäude selber sollten nach einheitlichen Kriterien gestaltet werden. Wichtig war Moller vor allem die Fassadengestaltung der einzelnen Häuser, deren Entwürfe er in den ersten Jahren noch persönlich überprüfte. Mit seiner Vorliebe für klare Formen vereinte er antike, vor allem griechische Architektur mit moderner Baukunst und war damit einer der Wegbereiter des Klassizismus in Hessen. Es entstand in wenigen Jahrzehnten eine ganz neue Stadtanlage im Westen, welche die alte Stadt an den Rand drängte und das Zentrum Darmstadts an den neuen, nach der Großherzogin Luise benannten Platz verlegte.

Bildungs-, Kunst- und Kulturpolitik Ludewigs I.
Entscheidend geprägt wurde die Darmstädter bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts durch die in der Tradition des aufgeklärten Absolutismus stehende Kunst- und Kulturpolitik des Großherzogs. Ziel dieser Politik war die Verbesserung der allgemeinen Bildung. Im Zuge dieser neuen bildungspolitischen Bewegung errichtete Georg Moller das 1819 eingeweihte neue Hoftheater, das heutige Staatsarchiv. Mit einer Kapazität von rund 2000 Plätzen war es für die breitere Bevölkerung gedacht. Ludewig I. öffnete 1817 die Hofbibliothek und 1820 die großherzoglichen Sammlungen für die Allgemeinheit. Er förderte begabte Künstler durch Einrichtung einer Malerschule und durch die Vergabe von Stipendien für Auslandsreisen. Er reformierte die Kommunalverwaltung und das Schulwesen insbesondere durch die Einführung der Realschule 1821/22.

Verfassungskonflikt und erste Verfassung
Der am Absolutismus festhaltende Großherzog lehnte kategorisch politisch Reformen ab. Durch Missernten in den Jahren 1816/17 vergrößerte sich jedoch die wirtschaftliche Not vieler Bewohner des Großherzogtums Hessen-Darmstadt. Diese Missstände waren ein Grund für die Forderung nach politischer Mitsprache und führten zu politischen Unruhen. Als Reaktion auf diese wurde am 17. Dezember 1820 die "Verfassung für das Großherzogtum Hessen" verabschiedet, die erstmals Bürgerrechte schriftlich festlegte. Als Denkmal für die erste hessische Verfassung wurde auf dem Luisenplatz 1844 das Ludwigsmonument, der "Lange Ludwig", errichtet (siehe dazu die Infobox auf der rechten Seite).

Vormärz und Revolution 1848/49 in Darmstadt

Nach dem Tod Großherzog Ludewigs I. setzte unter seinem schwachen Nachfolger Ludwig II. eine Phase der politischen Restauration ein. Georg Büchner gründete 1834 die "Gesellschaft der Menschenrechte" in Darmstadt und war an der Publikation der revolutionären Schrift "Der hessische Landbote" beteiligt. Büchner machte vor allem auf das soziale Ungleichgewicht zwischen der Bevölkerung der wohlhabenden Residenz und der in Armut lebenden Landbevölkerung, etwa im Odenwald, aufmerksam. Der Verfolgung und der drohenden Verhaftung entzog er sich 1835 durch die Flucht nach Straßburg. Um der strengen Zensur und Überwachung zu entgehen, fanden politische Diskussionen ausschließlich in unverdächtigen Turn- und Gesangsvereinen statt. Unter dem Einfluss der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 forderten die Bürger schließlich Pressefreiheit, Volksbewaffnung und Strafrechtsreformen. Verschärft wurde die Situation durch eine Versorgungskrise aufgrund der Missernten der Jahre 1846 und 1847. Ludwig II. berief schließlich seinen Sohn Ludwig III. zum Mitregenten, der am 05. März 1848 den politischen Forderungen nachgab. Die revolutionären Ereignisse der kommenden zwei Jahre führten jedoch zu einer staatlichen Reaktion, welche die neuen Freiheiten wieder zurücknahm und zum Teil sogar hinter die Errungenschaften des Vormärz zurückfallen ließ.

 

Quellen:
Betzien-Weinandt, Gabriele: Darmstadt. Eine kleine Stadtgeschichte, Erfurt 2005.
Wiest, Ekkehard: Darmstadt in Reaktion und Gründerzeit (1848 – 1880), Darmstadt 2009.
Wiest, Ekkehard: Darmstadt in Vormärz und Biedermeier (1815 – 1848), Darmstadt 2008.
daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016333/images/index.html (zuletzt aufgerufen am 01.07.2014).
daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00016335/images/index.html (zuletzt aufgerufen am 01.07.2014).
www.darmstadt.de/darmstadt-erleben/sehenswuerdigkeiten/luisenplatz/index.htm (zuletzt aufgerufen am 01.07.2014).

Infobox: Ludwig I.

* 14. Juni 1753 in Prenzlau – † 6. April 1830 in Darmstadt

Ludwig X. wurde in Prenzlau, wo sein Vater Ludwig IX. beim preußischen Heer stationiert war, geboren und von seiner Mutter Henriette Karoline in Buchsweiler aufgezogen. Als Erbprinz unternahm Ludwig eine Kavalierstour nach Paris und London und war mit den Thronfolgern von Preußen und Russland verschwägert. Außerdem pflegte Ludwig dank seiner Schwester Luise in Weimar Kontakt mit den dort ansässigen Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller.

Nach dem Tod seines Vaters wurde er am 6. April 1790 zum regierenden Landgraf von Hessen-Darmstadt ernannt. Mit dem Beitritt zum Rheinbund wurde er schließlich am 7. Juli 1806 zum Großherzog Ludwig I. von Hessen und bei Rhein.

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Infobox Georg Moller

* 21. Januar 1784 in Diepholz – † 13. März 1852 in Darmstadt

Der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende Moller studierte Architektur in Hannover und anschließend in Karlsruhe. Nach einer Studienreise nach Italien wurde er 1810 Oberbaurat und Hofbaudirektor des Großherzogtum Darmstadt-Hessen. Zu seinen Hauptwerken in Darmstadt zählen unter anderem die St.-Ludwigs-Kirche, eine Freimaurerloge (das heutige "Moller-Haus") und der Luisenplatz.

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Infobox "Der lange Ludwig"

Das Ludwigsmonument erinnert an Großherzog Ludewig I., der 1820 die erste Verfassung für das Großherzogtum Hessen verabschiedete. Darmstädter Bürger spendeten für das Denkmal und 1841 wurde der Grundstein für das Monument gelegt. Während der Entwurf der Sandsteinsäule von Georg Moller stammt, entwarf der Münchner Bildhauer Ludwig Schwanthaler die Statue des Großherzogs.


• Gesamthöhe: 39,15 m
• Höhe der Aussichtsplattform: 30,04 m
• Höhe der Statue: 5,45 m
• 172 Stufen

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