Darmstädter Stimmen zum Datterich

Ist der Begriff "Datterich" heute noch bekannt? Wenn ja, inwiefern?

Diese Fragen stellen sich wohl viele, die "Datterich" kennen. Daher fand ich es interessant mit diesen Fragen als Grundlage Interviews zu führen und zu erfahren, auf welche Antworten und Sichtweisen ich stoßen würde. Die folgenden Interviews wurden mit Passanten in Darmstadt in der Nähe des Luisenplatzes geführt. Jedem Passanten wurde zu Beginn immer dieselbe Frage gestellt und je nach Art der Antwort bzw. Verlauf des Gesprächs ergaben sich alle weiteren Fragen.


Interview mit Frau N. B. (68)


Was fällt Ihnen zu dem Begriff "Datterich" ein?
Das ist eine Figur von Niebergall.

Wie würden Sie diese beschreiben?
Ich würde sagen, das ist ein relativ alter Mann, der ziemlich viel trinkt und sich überall nur durchschnorrt – er scheint ja nie selbst zu zahlen (lacht).

Woher kennen Sie den "Datterich"?
Ich komme aus Darmstadt und da muss man den Datterich einfach kennen. Nachdem ich Niebergalls "Datterich" gelesen hatte, musste ich mir unbedingt das Theaterstück angucken – und mein Mann musste mit. Er kommt nicht von hier – naja was soll ich sagen, ihm hat es nicht so sehr gefallen – er hat nur den Schauspielern zugeguckt, weil er nichts verstanden hat – zumindest hat er das gesagt (lacht). Er kommt aus dem Norden und hat mit Hessisch nichts am Hut.

Halten Sie es für möglich, dass der Dialekt Leute abschreckt "Datterich" zu lesen oder anzusehen?
Ja, ich denke schon. Wenn man nicht in Hessen aufgewachsen ist, stelle ich es mir recht schwierig vor das Buch zu lesen. Das Theaterstück – hm nun ja – ich glaube, das wäre schon eher machbar. Man hat ja zumindest noch eine visuelle Unterstützung.

Wie stehen Sie zu einer Übersetzung ins Hochdeutsche – wäre das eine Option?
Für Leute, die mit Hessisch nichts anfangen können, wäre das bestimmt gut. Aber meiner Meinung nach würde vieles einfach verloren gehen, wie z.B. der Humor, ein Stück Kultur, irgendwie die ganze Atmosphäre.

Was meinen Sie mit "ein Stück Kultur"?
Ich glaube, dass in fast jedem Darmstädter ein wenig „Datterich“ steckt. Wir gehen gerne weg, essen und trinken gerne und wir schämen uns nicht für unseren Dialekt. Man kann sich also schon ein bisschen mit ihm identifizieren – zumindest die ältere Generation. Ich weiß nicht, wie es mit der jüngeren Generation aussieht. Naja ok, die trinkt auch gerne und geht weg (lacht), aber viele meiden das Hessische.

Also ist der "Datterich" doch eher etwas für die ältere Generation?
Nein, absolut nicht! Ich glaube nur, dass die jüngere Generation einfach keinen Zugang zu dem Stück findet. Viele wissen vielleicht auch gar nichts von ihm, was wirklich schade wäre.

Was könnte Ihrer Meinung nach getan werden, um den „Datterich“ Jung und Alt wieder näher zu bringen?
Ich weiß nicht so recht, aber ich denke, dass das Datterich-Festival nächstes Jahr ein guter Ansatzpunkt ist. Vielleicht gibt es ja auch eine Möglichkeit, das Stück schon in den Schulunterricht miteinzubeziehen. Ansonsten ist es wahrscheinlich eher schwierig.


Interview mit Herrn E. M. (23)


Was fällt Ihnen zum Begriff "Datterich" ein?
Ich habe vor ein paar Jahren mal ein Buch von meiner Oma geschenkt bekommen und ich glaube, das hieß "Datterich". Das habe ich aber nie gelesen, es muss irgendwo im Schrank liegen.

Wieso haben Sie "Datterich" nicht gelesen?
Naja, ich habe es mir schon angeschaut, auch etwas geblättert und versucht es zu lesen, aber es ist echt anstrengend einen Text im hessischen Dialekt zu lesen. Ich komme zwar aus Hessen, aber ich spreche kein Hessisch und verstehe es auch nicht so gut (lacht).

Also hat der Dialekt Sie doch eher abgeschreckt?
Hm ja, irgendwie schon. Ist zwar traurig, aber Hessisch ist einfach nicht mein Ding.

Würden Sie sich über eine hochdeutsche Version freuen?
Vielleicht wäre es dann einfacher zu lesen, aber wahrscheinlich nicht das richtige Genre für mich – ich lese lieber aktuelle Thriller, Krimis etc. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum das Buch nicht gelesen wird, zumindest in meinem Alter.


Interview mit Frau G. E. (45)


Was fällt Ihnen zum Begriff "Datterich" ein?
Das ist das Buch, das ich gerne mit meinen Schülern lesen würde. Leider ist der Lehrplan ziemlich voll mit anderen Themen und Büchern. Der „Datterich“ passt da momentan leider nicht rein. Ich hoffe, dass ich den "Datterich" als ein Thema eines Workshops in der nächsten Projektwoche anbieten kann.

Wieso würden Sie es mit in den Unterricht integrieren?
Ich finde, dass man es gelesen haben sollte, wenn man in Darmstadt oder in der Umgebung zur Schule geht. Wir sind ja schließlich in Hessen! Außerdem kann man aus einem so alten Werk noch aktuelle Themen herausgreifen.

Welche Themen wären das denn?
Zum Beispiel Alkoholismus und Schulden. Die Themen sind ja doch sehr aktuell und werden vor allem immer öfter im Fernsehen thematisiert. Über das Stück könnte man einen anderen Ansatzpunkt wählen, um den Schülern, vor allem jüngeren Schülern, die Themen näher zu bringen und die Gefahren aufzuzeigen. Es ist vielleicht angenehmer und interessanter, als irgendwelche schrecklich langweiligen Dokus zu zeigen (lacht). Außerdem bietet es die Möglichkeit, den Schülern den Dialekt näherzubringen und so wird ja auch etwas Kultur vermittelt.

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